In dieser Rubrik können Sie alle Fragen zu Glaube, Theologie und Kirche stellen, auf die Sie schon immer mal eine Antwort haben wollten. Ihre (anonyme) Frage können Sie per e-mail senden oder per Brief an Pfarramt schicken.

Sprechstunde

Glaube, Kirche, Theologie

  • addWar Jesus ein Familienmensch?

    Die erste Frage an Dr. Agathe Pliez war folgende:

    Wie steht es eigentlich mit der Familie von Jesus? War er ein Einzelkind oder hatte er Geschwister? War er überhaupt ein Familienmensch?

    Vielen Dank für Ihre Frage. Sie klingt zunächst einfach, aber hat es in sich. Fangen wir gleich an!

    Ja, Jesus hatte Geschwister. Das bezeugen die Evangelien. Markus und Matthäus nennen sogar die Namen der Brüder: Jakobus, Joses, Judas und Simon (Markus 6,36 und Matthäus 13,55). Schwestern werden auch erwähnt – leider ohne Namen. Jesus hatte also mindestens vier Brüder und zwei Schwestern.

    Ob Jesus ein Familienmensch war?

    Die Berichte der Evangelien lassen vermuten, dass es allerhand Spannungen in seiner Familie gegeben hat. Jesus ist seinen eigenen, ungewöhnlichen Weg gegangen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das für seine Angehörigen nicht so leicht zu verstehen war.

    Der Evangelist Lukas erzählt in der Kindheitsgeschichte, dass Jesus sich schon mit zwölf Jahren in Jerusalem von seinen Eltern abgesetzt hat und im Tempel geblieben ist. Als sie ihn nach langem Suchen endlich finden, sagt Jesus: „Warum habt ihr mich gesucht? Habt ihr denn nicht gewusst, dass ich bei meinem Vater sein muss?“ 

    Zugehörigkeit zu Gott

    Bei Jesus gibt es eine Zugehörigkeit, die bedeutender ist als die Zugehörigkeit zu seiner leiblichen Familie: Es ist die Beziehung zu Gott. Für seine leibliche Familie bedeutete das oft eine schmerzliche Distanz.
    Das Markusevangelium erzählt davon. Als Jesus anfing öffentlich zu reden und Jünger in seine Nachfolge zu berufen, war seine Familie offenbar sehr beunruhigt und sie wollten ihn von seinem Tun abhalten (Markus 3,21). Jesus weist in dieser Szene auf die Menschen, die sich um ihn versammelt hatten: „Das sind meine Mutter und meine Brüder! Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“

    Neue Familie

    War Jesus denn nun ein Familienmensch?
    Ja, in der Weise, dass er eine neue Familie gegründet hat, viel größer und weiter als seine Ursprungsfamilie. Ihren Zusammenhalt hat diese Familie durch Jesu unverbrüchliche Menschenliebe und seine enge Zugehörigkeit zu Gott.

    Jesus nennt ihn „Abba“, Vater, und wir dürfen das auch. Als Gottes Kinder. Bei ihm haben wir alle einen Namen. Töchter und Söhne.

    Ich hoffe, Sie gehören gerne zu dieser großen Familie!

  • addWie kann man Gott beweisen?

    Lieber Fragensteller, herzlichen Dank für Ihre Frage, die im Grunde aus zwei Fragen besteht, nämlich:

    Lässt sich Gott beweisen?
    Und wenn ja, wie lässt sich Gott beweisen?

    Unter dem Stichwort „Gottesbeweise“ finden sich seit dem antiken Philosophen Aristoteles (4. Jahrhundert v. Chr.) über die mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury (11. Jahrhundert) und Thomas von Aquin (13. Jahrhundert) eindrückliche und komplexe Überlegungen. Nicht erst seit der einflussreiche Königsberger Philosoph Immanuel Kant (18. Jahrhundert) diese bisherigen „Gottesbeweise“ einer fundamentalen Kritik unterzogen hat, gelten diese in ihrer Beweiskraft als höchst umstritten. Und bis heute geht die gelehrte Diskussion darüber lebhaft weiter.

    Nun wird mir hier kaum gelingen, was bislang wohl niemand in den letzten drei Jahrtausenden zufriedenstellend geschafft hat – zumal mir das Redaktionsteam des Gemeindebriefs nur diesen begrenzten Platz für meine Antwort zur Verfügung stellt!

    Mir ist bei dem Versuch einer Antwort aber folgendes wichtig:

    Der berühmte Philosoph Immanuel Kant hat gesagt, dass alle Versuche, Gott zu beweisen scheitern müssen, weil unsere Begriffe für das, was wir beweisen wollen, also Gott, nicht ausreichen. Bei dem Versuch, Gott zu beweisen, verwickeln wir uns zwangsläufig in Widersprüche.

    Und neben vielen philosophischen Einwänden und „Gegenbeweisen“, gibt es auch grundlegende theologische Einwände: Können Menschen mit ihrem begrenzten, endlichen Verstand ein unendliches, alles umfassendes Wesen überhaupt beweisen?

    Können Geschöpfe ihren Schöpfer ganz erfassen und zum Denkobjekt machen, wie etwa eine mathematische Formel?

    Exemplarisch gefragt: 
    Was wäre denn ein Beweis für Gott?


    Vielleicht, wenn es gelingen würde, Gott sichtbar zu machen? Hieße das nicht auch, sich Gott irgendwie „verfügbar“ und „kalkulierbar“ zu machen?

    Dem biblischen Gottesglauben jedenfalls entspricht es nicht, sich Gott so „verfügbar“ zu machen. Ein Grundkonsens verschiedener biblischer Texte besteht darin, dass niemand Gott je gesehen hat (z.B. Johannes 1,18).

    Erfahrungen


    Nun gibt es aber einen alttestamentlichen Text, in dem der Prophet Elia verzweifelt ist und sterben möchte. Gott zeigt sich ihm dann, indem er an ihm „vorübergeht". Da kommen Wind, Erdbeben und Feuer, aber Gott ist in keinem davon. Erst zum Schluss kommt ein stilles, sanftes Sausen. Und darin erkennt Elia Gott, ohne ihn zu sehen. Lesen Sie doch einmal nach in 1.Könige 19. Gott zeigt sich Elia also zwischen den Zeilen, als das Sanfte, das Lockende, als eine Stimme, die in unserer Welt oft überhört wird.

    Könnte dies ein „Beweis“ für Gott sein?

    Wir nennen es wohl besser eine Erfahrung, die ein Mensch mit Gott gemacht hat. Und von solchen Erfahrungen ist die Bibel voll.

    Anders gefragt


    Erlauben Sie mir zum Schluss eine Gegenfrage: Was hätte es für Konsequenzen, wenn wir Gott rational „beweisen“ könnten? Würden mehr Menschen an Gott glauben?

    Die Bibelauslegung und das Bekenntnis unserer Kirche sehen das anders:

    Dass Menschen an Gott glauben und ihm vertrauen, ist Wirken des Heiligen Geistes. Und dieses Wirken ist unverfügbar, nicht erzwingbar. Kein rationaler Beweis dieser Welt weckt und schenkt Glauben. Gott selbst offenbart sich, indem er Menschen anspricht und durch seinen Heiligen Geist Glauben stiftet: Erst wenn Gott selbst diesen Glauben in unseren Herzen entfacht hat, erst wenn er sich uns zu erkennen gibt, dann können wir Gott erkennen – an Weihnachten beispielsweise als menschgewordenen Sohn in der Krippe.

    Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Weiterdenken, Tiefergraben und Vertrauen.

  • addWoher kommt die Jahreslosung und wer bestimmt sie?

    Sie ist am Anfang jedes Jahres Inhalt unzähliger Predigten, Andachten und Bibelarbeiten. Sie hängt in vielen Gemeindehäusern, Schaukästen, … und trotzdem wissen viele nicht, woher sie eigentlich kommt: die Jahreslosung. Gerne will ich Ihre Frage zum Anlass nehmen und etwas Licht ins Dunkel ihrer Entstehungsgeschichte bringen.

    Geburtsstunde

    Die Geburtsstunde der Jahreslosung schlug im Jahr 1934. Von den Mitgliedern des sogenannten Textplanausschusses wurde ein Bibelvers ausgewählt, der aus den Leseeinheiten des Bibelleseplanes stammt.

    Einen Bibelleseplan gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts. Er sollte zur täglichen Bibellese motivieren. Übrigens gibt es auch heute solche Bibellesepläne. Sie führen die Leserinnen und Leser in jeweils 4 Jahren durch das Neue Testament und in 8 Jahren durch das Alte Testament.
    Zum Textplanausschuss gehörten der damalige Reichsverband Evangelischer Jungmännerbünde, die Frauenhilfe und die Ausbildungsstätten der Diakonen- und Diakonissenhäuser.

    Heute heißt diese Gruppe, zu der nach dem zweiten Weltkrieg und im Laufe der Zeit neue Träger dazukamen, „Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen“ (ÖAB).

    Wie wird die Jahreslosung ausgewählt?


    Jedes Mitglied der ÖAB schlägt aus der Bibellese für das betreffende Jahr ein Bibelwort als Jahreslosung vor. Die Vorschläge werden gesammelt und bei der jährlichen Hauptversammlung der ÖAB ausführlich beraten und diskutiert. Von diesen wird schließlich durch Abstimmung einer als Jahreslosung gewählt. Die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation kann dabei schon deshalb keine Rolle spielen, weil die Auswahl stets vier Jahre im Voraus stattfindet.

    Wichtige Gesichtspunkte bei der Auswahl sind dagegen, dass eine zentrale Aussage der Bibel in den Blick kommt, und zwar in einprägsamer und möglichst knapper Formulierung, ein Bibelwort, das in besonderer Weise ermutigen, trösten, Hoffnung wecken oder auch aufrütteln und provozieren kann.

    Und in diesem Jahr?


    Da kommt die Jahreslosung aus dem Markusevangelium: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“. Dieser Vers steht nicht für sich, sondern trägt eine ganze Geschichte huckepack. Die lohnt es sich einmal nachzulesen (Mk 9, 14-28).

    „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“


    – Dass Sie in diesem Jahr gute Erfahrungen machen mit der Jahreslosung und mit Ihrem Glauben – wie klein oder groß er auch sein mag – und Sie immer wieder kleine und große Wunder erleben dürfen, das wünsche ich Ihnen, auch und gerade in Zeiten wie diesen!

  • addEs gibt rund 7,7 Milliarden Menschen auf dieser Erde – da sieht Gott jeden einzelnen und MICH?

    Liebe Fragestellerin,

    Ups! Entschuldigung! Ich hab Sie übersehen!“ Mit diesem Satz hat sich neulich jemand bei mir entschuldigt, weil sie mich versehentlich angerempelt hat.

    Einfach übersehen

    Und ich habe mir gedacht: Wie kann man jemanden, der 1,70 m groß ist, einfach so übersehen? Vielleicht war die Frau zu sehr in ihr Smartphone vertieft. Da kann man schon mal jemanden übersehen …

    Und Gott?

    Wie macht Gott das eigentlich, fragen Sie? Wie kann er alle Menschen im Blick haben? Wenn er wirklich die ganze Welt im Blick hat, dann sieht er 206 Staaten, fünf riesige Ozeane, Millionen von Tierarten und eben 7,7 Milliarden Menschen. Und da sind die Menschen, die vor uns waren und die nach uns kommen noch gar nicht dabei! Unzählig viele Menschen – und die hat Gott alle im Blick? Unvorstellbar!  

    Der Knackpunkt ist, 

    wenn wir so fragen, stellen wir uns Gott als Person mit menschlichen Eigenschaften vor. Zu unseren menschlichen Eigenschaften gehört, dass wir beim Multitasking eben schnell an unsere Grenzen stoßen oder mal mehr, mal weniger vergesslich sind und andere aus Versehen anrempeln, weil wir in unser Smartphone vertieft sind. 

    Natürlich ist es legitim, von Gott als Person zu reden! Die Bibel tut es immer wieder: sie redet von Gott, indem sie sich menschlicher Merkmale bedient. Gott handelt und redet, Gott hört und sieht. In der Beschreibung von Gott nutzt die Bibel Metaphern, also Bildworte, die helfen sollen, Gott und sein Wesen und Wirken zu verstehen. 

    Gott ist anders

    Die Gefahr dabei ist, dass wir Gott auch nur das zutrauen, was wir von uns Menschen kennen. Und 7,7 Milliarden Menschen im Blick zu haben – das kann keiner! Den Verfassern der Bibel ist also klar, dass Gott nicht ist wie wir.

    Ich glaube aber: 

    Gott übersieht wirklich keinen! Egal wie viele andere Dinge er noch im Blick behalten muss. Das spüre ich zum Beispiel daran, dass er mir neue Kraft gibt, wenn ich ihn darum bitte, wenn ich mal wieder viel zu viel zu tun habe oder es mir nicht gut geht. 

    Ein Gott, der sieht

    Ich will Ihnen zum Schluss von Hagar erzählen. Sie war die Magd von Abraham und sollte seinen Sohn gebären, weil Abraham mit seiner Frau Sarah keine Kinder bekommen konnte. Es kommt zum Streit zwischen den beiden Frauen und Hagar flieht in die Wüste. Dort begegnet ihr ein Engel Gottes und spricht zu ihr: „Der HERR hat dein Elend erhört.“ Hagar schöpft neuen Mut und bringt ihren Sohn zur Welt. Und sie gibt Gott einen Namen: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (vgl. 1.Mose 16)

    Schöner kann man von Gott kaum sprechen, oder? Du bist ein Gott, der mich sieht! Und er erscheint uns dabei wieder wie eine Person. Als ein Gott, der uns hört und gnädig ansieht, der uns liebhat und uns entgegenkommt.

    Aber die Bibel beschreibt ihn eben auch als den, der alle umfängt und durchdringt. Als Geheimnis, das unseren bloßen Verstand übersteigt.  

    Von diesem Geheimnis können wir erzählen und singen, es gemeinschaftlich verehren und feiern! Sie sind herzlich eingeladen ihn in unseren Gottesdiensten zu feiern: unseren Gott, der uns sieht! 

    Ihre Dr. Agathe Pliez

  • addWarum beginnt das Kirchenjahr am 1. Advent?

    das haben Sie richtig beobachtet: Das Kirchenjahr beginnt am ersten Advent, in diesem Jahr also am 29. November, und endet mit dem Ewigkeitssonntag. Es erscheint tatsächlich auf den ersten Blick seltsam, dass das Kirchenjahr anders als unser Kalenderjahr angelegt ist, strukturieren die Festzeiten des Kirchenjahrs unser Leben doch ebenso wie das Kalenderjahr mit seinen Jahreszeiten.  

    Ein Blick zurück... 

    Viele der heute gültigen Eckdaten unseres Kalenderjahres sind auf den 47 v. Christus durch Julius Caesar festgelegten Kalender zurück zu führen. Dieser beschloss den Amtsantritt des römischen Magistrat am 1. Januar als Anfang des Jahres, legte eine Sieben-Tage-Woche fest und verfügte die Länge und Namen der Monate.  

    Mitte des 1. Jahrhunderts entschlossen sich die Christen dazu, sich ähnlich wie die Juden einen Tag in der Woche auf das Ewige zu konzentrieren.  Während die Juden am letzten Tag der Woche den Schabbat begingen (und immer noch begehen), entschieden die frühen Christen sich für den Sonntag, den Tag der Auferstehung Christi. 

    Außerdem erschien es passend, den Tag der Sonne umzudeuten und ihn Jesus Christus, dem Licht der Welt, zu widmen.  

    Auf ähnliche Weise wurden nach und nach verschiedene schon vorhandene Festtage, durch die bereits ein Rhythmus im Jahresverlauf vorgegeben war, neu interpretiert und auf christliche Festtage umgedeutet. Die neuen christlichen Feste verbanden sich oft reibungslos mit teilweise älteren Bräuchen und Traditionen. So nahmen die frühen Christen zum Beispiel das uralte Bedürfnis, in der dunklen Jahreszeit ein Fest zu feiern, zum Anlass, die Geburt Jesu zu feiern. So wurde aus der Wintersonnenwende unser heutiges Weihnachtsfest. Dabei ging es ihnen weniger um ein genaues Datum, als vielmehr um den Anlass des Festtages selbst.  

    Warum überhaupt ein fester Rhythmus? 

    Mit dem Feiern und den Festtagen des Kirchenjahrs stellen wir uns nicht nur gemeinsam in die Tradition und damit auch in eine Reihe mit unseren Vorfahren, vielmehr unterbrechen wir immer wieder neu in einem festen Rhythmus unseren Alltag, um unser Leben aus einem neuen Blickwinkel zu deuten.  Wir dürfen also die Festzeiten des Kirchenjahrs als Ermutigung und Frage an uns selbst verstehen, die uns überlegen lässt, wie eben dieses Fest meine Zukunft deutet.  

    Nun aber zurück zu Ihrer Frage: Warum beginnt das Kirchenjahr mit dem 1. Adventssonntag? 

    Mit dem Advent beginnt... 

    das Hoffen auf Gott, der in unsere Welt kommt.  Aus und in dieser Perspektive des Hoffens und Erwartens starten wir in das neue Kirchenjahr und tragen damit unser Erwarten Gottes in der Welt in unser Leben. In der dunkelsten Zeit des Jahres erzählt Weihnachten vom Eintritt des Lichts in die Dunkelheit. Die neu erblühende Natur im Frühjahr verkündet mit Ostern den Sieg des Lebens über den Tod. Fallen die Blätter gedenkt die Kirche zum Ende des Kirchenjahrs den Verstorbenen.  

    Die immer wiederkehrenden Rhythmen der Jahreszeiten und des Kirchenjahres erinnern uns Christen und Christinnen an das Leben Jesu und greifen dabei die Stationen unseres eigenen Lebenslaufes auf.  

    Ihre Dr. Agathe Pliez 

     

    P.S. Kennen Sie schon die kostenlose App „Kirchenjahr evangelisch“? Ich habe sie auf meinem Smartphone und nutze die vielen Informationen zu jedem Sonn- und Feiertag gerne.

  • addWer oder was ist Gott im christlichen Sinne?

    "In den meisten Religionen werden die Götter stets personifiziert, sei es als Mann oder Frau. Meine Frage ist: Wer oder was ist Gott im christlichen Sinne?"

    Vielen Dank für Ihre Frage! Auch das Christentum kennt die personifizierende Rede von Gott, weil Gott sich selbst als Person offenbart. Die Bibel, die Heilige Schrift des Christentums, redet von Gott, indem sie sich menschlicher Merkmale bedient: Gott hört, sieht und spricht.

    Bilder für Gott

    Nun wäre Ihre Frage schnell beantwortet, wenn die Bibel nicht auch in ganz anderer Weise von Gott reden würde: Gott als Adler (5. Mose 32,11), als Burg (Psalm 91,2), als Licht (Jesaja 60,20), als Quelle (Jeremia 2,13) und vieles mehr. Gott offenbart sich in der Bibel also auf vielerlei Weise den Menschen.

    Der Eine und Einzigartige

    Bei aller Vielfältigkeit ist zunächst festzuhalten: Trotz einer Vielzahl von Gottesvorstellungen und Bildern für Gott ist der biblische Gott einer (5. Mose 6,4) und einzigartig, er ist der Schöpfer der Welt und des Menschen (vgl. 1.Mose 1) und er offenbart sich in der Geschichte durch sein Handeln am Volk Israel oder an einzelnen Menschen. Die biblischen Erzählungen entfalten Gottes Wesen und seine Eigenschaften. Gottes Wesen wird in seinem Handeln offenbar.

    Zu groß für ein Papier - unbeschreiblich!

    Vor ein paar Jahren hat mir ein Kind ein selbstgemaltes Bild gezeigt – ein richtiges Durcheinander an bunten Farben und Formen. Vermutlich habe ich fragend geschaut, denn das Kind erklärte mir: „Ich habe Gott gemalt. Aber leider war das Papier zu klein.“

    Was für ein kluger Satz! Gott kann man nicht in ein einziges Bild oder eine einzige Vorstellung bringen – das würde Gott niemals entsprechen. So beschreibt die Bibel Gott auch als Geheimnis, das unseren Verstand übersteigt. Er hat keinen Anfang und kein Ende. Er ist vollkommen, heilig, gerecht, zornig und barmherzig, liebevoll und geduldig und er ist überall, allwissend und allmächtig. Wie sollten wir ihn da auf ein Bild oder eine Vorstellung reduzieren, die lediglich eine Facette von Gott zeigt?

    Im Alten Testament lesen wir im 2. Buch Mose die Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten. Nach langer Zeit in der Wüste ist das Volk unzufrieden und während Mose auf dem Berg Horeb mit Gott im Gespräch ist und von ihm die Gebote für das Volk erhält, werden die Männer und Frauen aktiv: Sie verlangen nach einem sichtbaren Gott, der vor ihnen her durch die Wüste geht. Aus dem Schmuck, den sie tragen, fertigen sie ein goldenes Kalb, ein Götterbild, das sie anbeten. Damit zieht das Volk den Zorn Gottes auf sich.

    Wir Menschen machen uns zwangsläufig Vorstellungen und Bilder von Gott, problematisch ist dies aber dann, wenn wir Gott auf dieses Bild reduzieren und dieses Bild uns den Blick auf den wahren Gott verstellt. Aus diesem Grund heißt es in den Zehn Geboten, dass wir uns kein Bildnis von Gott machen sollen. Es ist in Ordnung, sich bildliche Vorstellungen von Gott zu machen, diese dürfen aber nicht mit Gott selbst gleichgesetzt werden.

    Gott zeigt sich

    Ich vermute, das stellt Sie noch nicht zufrieden. Daher komme ich noch einmal zur Offenbarung Gottes in der Geschichte. Als Geheimnis der Welt ist und bleibt Gott für uns unsichtbar. Gott kann nur erkannt werden, wenn er sich von sich selbst aus zu erkennen gibt. Diese Selbstoffenbarung ist dem Zeugnis des Neuen Testaments zufolge in Gottes Sohn, Jesus Christus, geschehen in dem Gott Mensch zum Heil der Menschen geworden ist. Das heißt, in dieser Offenbarung erkennen wir weniger die Eigenschaften Gottes an sich, als vielmehr wer Gott für uns Menschen ist.

    Jesus sagt im Johannesevangelium in Kapitel 14 zu Philippus: „Wer mich sieht, der sieht den Vater“. Christliche Theologie hat also so von Gott zu reden, wie es der Offenbarung Gottes in Jesus Christus als seiner rettenden Hinwendung zum Menschen entspricht.

    Voller Liebe

    Vermutlich kommen wir damit Gott im christlichen Sinne am nächsten: So wie Jesus lebte und redete, zeigt er, was Gott ist: Liebe. 

    Der Reformator Martin Luther sagt: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da reichet von der Erde bis an den Himmel.“ Eine schöne Vorstellung!

    Gott soll jedoch nicht nur als Liebe gedacht werden, die Liebe soll auch im Miteinander und in der christlichen Gemeinschaft gelebt werden.

    Zusammengefasst

    Im Christentum ist Gott im Unterschied zu fernöstlichen, griechischen oder einigen philosophischen Gottesvorstellungen kein abstraktes oder statisches Wesen, sondern ein Gott, der immer wieder neue Aspekte aufweist und sich den Menschen selbst offenbart, in dem er Mensch wird.

    Gott begegnet nach christlicher Vorstellung den Menschen auf dreierlei Weise: als Vater, der die Welt geschaffen hat und liebt. Als Sohn, der in Jesus Christus Mensch geworden und auf die Welt gekommen ist und als Heiliger Geist, der Menschen aufrichtet und tröstet.

    Ich hoffe, Sie bleiben an der Frage nach Gott dran, forschen und fragen weiter und entdecken immer wieder Neues an und mit Gott.

    Ihre Dr. Agathe Pliez